Beim Jahrtausendgipfel der Vereinten Nationen im September 2000 verpflichteten sich 189 Staats- und Regierungschefs, bis zum Jahr 2015 die extreme Armut in der Welt zu halbieren. In der Millenniums-Erklärung wurden insgesamt acht Ziele zur Bekämpfung der globalen Armut formuliert:
1. Extreme Armut und Hunger ausmerzen bzw. halbieren
2. Grundschulbildung für alle
3. Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frauen
4. Senkung der Kindersterblichkeit
5. Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter
6. Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria, Tuberkulose und anderen armutsbedingten
Krankheiten
7. Ökologische Nachhaltigkeit
8. Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft (zwischen Nord und Süd)
Seit dem Millennium-Gipfel sind mittlerweile fast mehr als sieben Jahre vergangen – die Hälfte der Zeitspanne bis 2015, wenn die Weltgemeinschaft die Halbierung der Armut erreicht haben will. Damit dieses Ziel keine Utopie bliebe, gönnten sich die Vereinten Nationen bei der Verabschiedung auf dem Millennium-Gipfel den Luxus, nicht die (damals noch unvollständigen) Zahlen von 2000 zugrunde zu legen, sondern jene von 1990. Es war nämlich bereits 2000 erkennbar, dass – basierend auf den Zahlen für 1990 – die Halbierung in einigen Regionen der Welt bald erreicht werden würde. Für andere Regionen indes bleibt die Halbierung noch weit entfernt.
Die nachfolgende Tabelle gibt die Prozentzahlen der in extremer Armut lebenden Menschen für die verschiedenen Regionen an, jeweils für 1990 und 1999. Die projizierten Ziel-Zahlen für 2015 entsprechen also 50 Prozent der für 1990 angegeben Anteile:
| Ländergruppen | 1990 | 1999 | 2015 (Ziel) |
| in % | in % | in % | |
| Transformationsländer Europas | 1,2 | 3,8 | 0,6 |
| Nordafrika | 2,4 | 1,9 | 1,2 |
| Schwarzafrika | 47,4 | 49,0 | 23,7 |
| Lateinamerika und Karibik | 11,0 | 11,1 | 5,5 |
| Ostasien und Ozeanien | 32,9 | 17,8 | 16,5 |
| Süd- und Zentralasien | 41,2 | 32,6 | 20,6 |
| Südostasien | 23,6 | 11,0 | 11,8 |
| Westasien | 2,2 | 7,5 | 1,1 |
| Alle Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen | 29,6 | 23,2 | 14,8 |
Man sieht, dass in einigen Regionen der Welt bereits bis zur Jahrtausendwende gute Fortschritte in Richtung auf die Millenniumsziele erzielt wurden: In Südostasien war die Halbierung der Armut bereits 1999 erreicht, in Ostasien und Ozeanien fast. Fortschritte wurden in Nordafrika, Süd- und Zentralasien erzielt, aber Rückschritte oder Stagnation waren zu vermelden aus den Transformationsländern, Schwarzafrika, Lateinamerika und Karibik sowie Westasien. In diesen Regionen sieht es so aus, als würde die Halbierung nicht erreicht werden.
Die wirtschaftlichen Fortschritte in China könnten trotzdem dazu führen, dass die Zielvorgaben weltweit unterm Strich noch erreicht werden. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Länder von dieser positiven Entwicklung abgeschnitten sind. 37 von 67 Ländern, von denen Daten vorliegen, haben in den Neunziger Jahren Rückschritte erfahren, d.h. einen Zuwachs an extremer Armut gesehen. Gerade in Schwarzafrika konnten im letzten Jahrzehnt nur 15 Staaten ihr Pro-Kopf-Einkommen steigern; 24 afrikanische Länder dagegen erlebten einen Rückgang oder eine Stagnation im durchschnittlichen Einkommen. In den osteuropäischen und GUS-Staaten steigerten im gleichen Zeitraum nur drei Länder ihr Pro-Kopf-Einkommen, während 15 Staaten erhebliche Einkommensverluste hinnehmen mussten.
Schauen wir uns aber einmal die absoluten Zahlen an: Nach einem Bericht der Weltbank lag die Zahl derer, die mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen mussten, im Jahr 1990 bei 1,276 Milliarden. 1999 lag diese Zahl trotz erheblicher Anstrengungen bei der Entwicklungszusammenarbeit und trotz wirtschaftlichen Wachstums nur unwesentlich niedriger, nämlich bei 1,151 Milliarden. Spart man China aus, stellen wir sogar einen Zuwachs der extrem Armen fest: 1990 lebten 916 Millionen Menschen außerhalb Chinas unter der 1-Dollar-Grenze. 1999 waren es 936 Millionen.
Bei der Beurteilung der Zahlen muss allerdings berücksichtigt werden, dass wir zwischenzeitlich einen Zuwachs der Weltbevölkerung von etwa fünf Milliarden im Jahre 1990 auf rund sechs Milliarden in 1999/2000 zu verzeichnen haben. Bis zum Jahr 2015 wird sie sich wahrscheinlich auf über sieben Milliarden erhöht haben. Angesichts des Bevölkerungswachstums könnte man versucht sein, eine Stagnation der Zahl der extrem Armen bereits als Erfolg zu verbuchen. Leider steht zu befürchten, dass durch das Bevölkerungswachstum bei nur langsamem Wirtschaftswachstum die Zahl der extrem armen Menschen noch zunehmen wird, wenn nicht mehr dafür getan wird, dies zu verhindern.
Der Finanzminister von Großbritannien, Gordon Brown, Gastgeber des G8-Gipfels in Schottland, präsentierte unlängst die folgende Trendrechnung für die Erreichung ausgewählter Millenniumsziele im südlichen Afrika:
- Millenniumsziel Nr. 1, Armuts- und Hungerhalbierung, wird erst im Jahr 2150 erreicht werden – 135 Jahre zu spät!
- Millenniumsziel Nr. 2, Verwirklichung der allgemeinen Grundschulbildung, wird erst im Jahr 2130 erreicht werden – 115 Jahre zu spät!
- Millenniumsziel Nr. 4, Senkung der Kindersterblichkeit, wird erst im Jahre 2165 erreicht werden – 150 Jahre zu spät!
Beim Millenniums-Gipfel herrschte Einigkeit darüber, dass eine Armutshalbierung bis 2015 nur dann möglich sein würde, wenn zusätzliche Finanzmittel bereit gestellt würden. Man sprach von der Notwendigkeit einer Verdoppelung der offiziellen Entwicklungshilfe („official development assistance“ oder ODA) der Geberländer von 50 Milliarden auf 100 Milliarden US-Dollar. Aber wie soll diese Verdoppelung erfolgen, wenn die meisten Geberländer über ihre Verhältnisse leben, gegen riesige Defizite ankämpfen und immer weniger Steuerein¬nahmen zu verzeichnen haben? In den Jahren seit dem Millenniums-Gipfel hat darum kaum ein industrialisiertes Land seine ODA wesentlich erhöht.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat im Jahr 2002 das „Millenniumsprojekt“ ins Leben gerufen, um einen konkreten Aktionsplan zur Erreichung der Millenniumsziele zu entwerfen. 2005 hat eine unabhängige Beratergruppe unter der Leitung des Entwicklungsfachmanns Prof. Jeffrey Sachs, seine Empfehlungen in einem Bericht vorgelegt, der den Titel trägt: „In die Entwicklung investieren. Ein praktischer Plan zur Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele.“ Die Kurzfassung dieses Berichtes (von allerdings über 100 Seiten) kann hier heruntergeladen werden. Zur Vorbereitung dieses Berichtes tagten 10 Task Forces, deren Berichte hier einzusehen sind:
Siehe auch: „Das Millenniumsziel der Armutshalbierung“ (verlinken)
Link mit meinem Traum-Kapitel zur Armutshalbierung und Kleinkredite
Weiterführende Links:
Bundesregierung (Glossar):
http://www.bmz.de/de/service/glossar/millenniumsentwicklungsziele.html
Seite der Vereinten Nationen zum Thema (Englisch):
http://www.un.org/millenniumgoals
UN-Seite zum Millenniumsgipfel: 6. - 8. September 2000 (Deutsch):
http://www.unric.org/html/german/millennium/index.htm
Die Millenniumserklärung der Vereinten Nationen:
http://www.un.org/millennium/declaration/ares552e.pdf (Englisch)
http://www.unric.org/html/german/millennium/millenniumerklaerung.pdf (Deutsch)
MDG-Datenbank der Vereinten Nationen:
http://millenniumindicators.un.org
UN Development Programme (MDG-Umsetzung auf Länderebene):
http://www.undp.org/mdg
http://www.undp.org/mdg/countryreports.html
UN Millennium Project (Forschungsprojekt zu den MDGs):
http://www.unmillenniumproject.org
http://www.unmillenniumproject.org/reports/reports2.htm (Task Force Reports)
UN Millennium Campaign:
http://www.millenniumcampaign.org
Zu MDG 2:UNESCO (“Education-for-all”-Initiative):
http://www.unesco.org/education/efa/index.shtml
Zu MDG 3:UNIFEM:
http://www.unifem.org
Zu MDG 4-6:Weltgesundheitsorganisation:
http://www.who.int/mdg/en/
Zu MDG 7 :UNEP /UN Division for Sustainable Development /UN HABITAT:
http://www.unep.org
http://www.un.org/esa/sustdev/index.html
http://www.unhabitat.org/mdg/
UNHCHR (Menschenrechte und MDGs):
http://www.unhchr.ch/development/mdg.html
Weltbank Interaktive Weltkarte:
http://devdata.worldbank.org/atlas-mdg/

