Geldmangel
Wer kein Geld hat, ist arm. So einfach ist das. Oder ist es etwa umgekehrt: Wer arm ist, hat kein Geld? Ob Geldmangel als Ursache zu gelten hat oder als Symptom der Armut, darüber könnte man streiten. In gewisser Weise kommt die Beantwortung dieser Frage darauf an, ob man Armut eher unter dem materiellen Gesichtspunkt sehen oder eher als Mangel an Bewusstsein deuten will. Wir wollen Armut grundsätzlich als ein holistisches Problem sehen, weshalb auch die Lösungsansätze ganzheitlich sein müssen. Dennoch ist Geldmangel als Ursache oder Symptom der Armut ernst zu nehmen.
Wer beispielsweise seinen gut bezahlten Job verliert und gezwungen ist, einen Niedriglohnjob anzunehmen, oder gar arbeitslos wird, der hat plötzlich nur einen Bruchteil von dem Geld in der Tasche, dass er zuvor verdiente. Die Folge ist eine drastische Einschränkung seines Lebensstandards. Es gibt heute in Deutschland Hunderttausende, ja Millionen von gut qualifizierter Menschen, die arbeitslos wurden und von Hartz IV leben müssen. Hatten sie zuvor noch 2.000-3.000 Euro netto verdient, so müssen sie heute mit 345 Euro zurecht kommen. Im Vergleich zu absolut armen Menschen in einem unterentwickelten Land, die weniger als einen Euro am Tag zur Verfügung haben, mögen sich 345 Euro noch als üppig ausmachen, aber im Vergleich zum früheren Verdienst, im Vergleich zum gewohnten Lebensstandard und im Vergleich zu vielen anderen in der Republik, ist ein Hartz-IV-Empfänger bitter arm. Er hat nicht genug Geld. – Er hat nicht genug Geld, um seine Miete zu bezahlen, um seine Versicherungen zu bezahlen, um sich ab und zu mal ein Restaurant-Essen oder einen Urlaub zu gönnen. Oft reicht dieses Geld nicht mehr, um ein noch so kleines Fahrzeug halten zu können. Die Arbeitslosigkeit ist die Ursache des Geldmangels, aber Arbeitslosigkeit wäre ja durchaus zu verkraften, wenn man genügend Geld zur Verfügung hätte. Es ist das Fehlen von Geld, das arm macht, das einen hilflos und ohnmächtig fühlen lässt.
Zahlreiche Menschen in Entwicklungsländern leben gänzlich ohne Geld oder nur mit sehr wenig Geld. Im ländlichen Bereich bestellen viele von ihnen das Feld und leben von den Erträgen dessen, was sie ernten. Wenn die Ernte gut ist, haben sie zu essen. Bleibt sie aus, hungern sie. Geld haben sie oft keines oder nicht genug, um sich alternative Nahrungsmittel kaufen zu können. Kommt die Dürre, bleibt der Regen aus, grassiert die Hungersnot. Insofern ist es der Mangel an Nahrungsmittel, der die Menschen hungern lässt. Aber vorsichtig: Hätten diese Menschen Geld zur Verfügung, so könnten sie in die Provinzhauptstadt fahren und sich dort auf dem Markt Nahrungsmittel kaufen. Ein Mensch mit Geld kann sich in jedem Land etwas zu essen kaufen. Es ist nur eine Frage des Geldes. Darum: Geldmangel ist eine der wichtigsten Ursachen von Armut.
Verschuldung
Wer arm ist und kein Geld hat, verschuldet sich leicht. In Deutschland sind mehr als 7 Millionen Menschen überschuldet. Von Überschuldung redet man, wenn es den betroffenen Personen nicht möglich ist, auch unter Aufbietung ihres gesamten Einkommens und ihres Vermögens ihre Schulden innerhalb eines überschaubaren Zeitraums zu bezahlen, ohne ihre Grundversorgung zu gefährden. Insofern stellt die Überschuldung eine elementare Existenzbedrohung dar. Verschuldung ist oft die Folge eines kritischen Lebensereignisses, etwa von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit, von Trennung bzw. Scheidung, von einer gescheiterten Existenzgründung oder von einer längeren Krankheit, oder aufgrund eines leichtsinnigen Konsumverhaltens bzw. der allgemeinen Unfähigkeit, mit Geld umzugehen. In die Schuldenfalle gerät der Schuldner, wenn er seinen Verpflichtungen auf Zins- und Tilgungszahlungen oder nicht mehr im vollen Umfang nachkommen kann. Insofern ist Verschuldung natürlich eine Folge von Armut. Aber auch umgekehrt gilt: Wenn die Verschuldung und die damit verbundenen Verpflichtungen die eigenen Zahlungskapazitäten übersteigen, führt dies den Schuldner in eine noch tiefere, dramatischere Armut hinein, mit Einschränkungen des Lebensstandards, der Wohnverhältnisse und sogar der Befriedigung der Grundbedürfnisse. Als eine der Ursachen von Verschuldung wird übrigens Bildungsmangel ausgemacht, insofern Menschen nicht gelernt haben, mit Geld zu wirtschaften. Hier zeigt sich, dass die verschiedenen Ursachen von Armut oft ineinander greifen.
Staatsverschuldung
Verschuldung kann auch im Sinne der Staatsverschuldung verstanden werden. Deutschland ist mit weit über einer Billion Euro verschuldet. Eine Billion, das sind 1000 Milliarden, eine Milliarde sind 1000 Millionen. Eine so unvorstellbar große Zahl, dass auch ein Mathematiker keinen wirklichen Zugang zu dieser Zahl finden kann. In Zeiten hoher Wachstumsraten kann das Wirtschaftswachstum die Schulden auffangen. Aber auf Dauer gilt auch für den Staat, dass er nicht mehr ausgeben kann, als er hat. Das ist eine Binsenweisheit. Wenn das Wirtschaftswachstum abflacht, kann die Wirtschaftskraft die Schulden nicht mehr ausgleichen. Wer zahlt am Ende die Zeche? Natürlich der Steuerzahler. Und in Deutschland spüren wir die Zeche bereits. Geld, das in die Rückzahlung von Krediten gesteckt werden muss, kann nicht für soziale Zwecke, für Bildung und Gesundheit, für Arbeitslosengeld oder die Rentenkasse, ausgegeben werden.
Verschuldung armer Länder und Entschuldungsinitiative
Ähnliches gilt auch für die armen Länder. Nur dass die Schuldentragfähigkeit eines armen Landes schon sehr viel früher, d.h. bei wesentlich geringeren Schulden, überstrapaziert wird, so dass das Land einen weitaus größeren Anteil seines Haushaltes für die Rückzahlung seiner Schulden aufwenden muss, als dies etwa Deutschland tun muss.
Die Schuldentragfähigkeit hängt von zwei Faktoren ab: von der Last, die zu tragen ist, und von der Stärke dessen, der sie tragen muss. Die Stärke eines Landes, seine Schulden zu tragen, hängen in einem erheblichen Maße von den Exporterlösen ab, weil die Schulden in harter Währung bezahlt werden müssen. Im ökonomischen Sinne ist ein Schuldenniveau dann tragfähig, wenn der Schuldner in der Lage ist, den Schuldendienst pünktlich und in vollem Umfang zu leisten - ohne dabei seine eigene wirtschaftliche Entwicklung zu blockieren. Das bestehende Verschuldungsniveau darf also die Fähigkeit des verschuldeten Landes nicht einschränken, in einem ausreichenden Maße Einkommensströme zu erwirtschaften, um neben der Bedienung der Schulden auch die nötigen Investitionen in die produktive und soziale Entwicklung des Landes vorzunehmen. Seit der so genannten HIPC-Initiative, also der Entschuldungsinitiative für die hoch verschuldeten armen Länder (HIPC = Heavily Indebted Poor Countries) geht man davon aus, dass die Schulden eines Landes 150% des Exporterlöses nicht übersteigen sollte. Die hohe Verschuldung vieler armer Länder hat dazu geführt, dass diese Staaten nicht mehr in ausreichendem Maße Programme der Armutsreduzierung durchführen konnten, insbesondere konnten Bildung und Gesundheit nicht in dem notwendigen Maße gefördert werden. Aus diesem Grund hat die internationale Staatengemeinschaft – insbesondere der für den Schuldenerlass zuständige Internationale Währungsfonds IWF – die Entschuldung an die Vorlage so genannter Poverty Reduction Strategy Papers (PRSP) geknüpft, die zeigen sollen, inwieweit die zu entschuldenden Staaten bereit und in der Lage sind, soziale Programme wie Bildungsförderung und Gesundheitsmaßnahmen zu budgetieren und durchzuführen.
Weiterführende Links:
Das von der Bundesregierung festgelegte finanzielle Existenzminimum:
http://www.bundestag.de/aktuell/hib/2006/2006_345/11.html
Kritische Bestandsaufnahme der ZEIT über das von der Bundesregierung festgelegte Existenzminimum:
http://www.zeit.de/2006/01/Rechnen_bis_es_passt
Verschuldung der armen Länder, Entschuldungsinitiative und Erlassjahrkampgne:
http://www.erlassjahr.de/
Wertvolle Informationen zur Entschuldung auf der Website von WEED:
http://www.weed-online.org/themen/schulden/index.html
Forderungen zum Schuldenerlass der VENRO-Kampagne „Deine Stimme gegen Armut“:
http://www.deine-stimme-gegen-armut.de/themen/schuldenerlass.html
Eine der wichtigsten Quellen für die Entschuldungskampagne:
http://www.jubileedebtcampaign.org.uk/

