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Prävalenz der Armut in Europa

In Deutschland und dem größten Teil Europas ist mit dem Armutsbegriff keine absolute, sondern eine relative Armut gemeint. Im Gegensatz zu den Entwicklungsländern gibt es innerhalb der europäischen Länder keinen existenzbedrohenden Mangel mehr. Alle haben genug zu essen, keiner geht unbekleidet, und jeder hat ein Dach über dem Kopf. Ebenso haben alle Zugang zu schulischen, medizinischen und kulturellen Einrichtungen. Vielmehr knüpft der europäische Armutsbegriff an die Bedingungen an, ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, dass ein soziokulturelles Existenzminimum bzw. eine Teilnahme an der Gesellschaft gestattet. Gemeint ist also eine im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung erschwerte Teilnahme am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben. Zudem ist damit auch ein Unterschreiten von Konsumstandards gemeint.

Als Armutsgefährdet gelten nach EU-Definition Personen, die mit weniger als 60% des mittleren Einkommens (Median) der Bevölkerung auskommen müssen. Grundlage der im Folgenden beschriebenen Berechnungen ist die Armutsgefährdungsschwelle auf Bundesebene. Diese wird anhand des mittleren Einkommens im gesamten Bundesgebiet (Bundesmedian) errechnet. Den so ermittelten Armutsgefährdungsquoten für Bund und Länder liegt somit eine einheitliche Armutsgefährdungsschwelle zugrunde.

Das Medianeinkommen ist das Einkommen derjenigen Person, die sich genau in der Mitte befindet zwischen denen, die weniger Einkommen als diese haben, und denen, die mehr Einkommen als diese haben. Der Vorteil des Medianeinkommens gegenüber dem Durchschnittseinkommen liegt darin, dass überproportionale Zu-wächse der Besserverdienenden den Medianwert nicht nach oben verschieben (was beim Durchschnitts¬ein¬kommen der Fall wäre).

Wer ist nach EU-Definition arm?

Wie wir gesehen haben, ist die Definition von Armut in Europa schwierig – ebenso schwer ist es, Armut zu messen, zumal die Ausgangssituation in den einzelnen EU-Ländern sehr unterschiedlich ist: Das errechnete mittlere verfügbare Jahreseinkommen der Bevölkerung Deutschlands lag im Jahr 2007 bei 18.310 Euro (rd. 1.500 Euro) pro Person. Eine allein lebende Person war damit nach EU-Definition dann armutsgefährdet, wenn sie weniger als 10.986 Euro (oder ca. 915 Euro monatlich einschließlich Sozialtransfers) zum Leben hatte. Im Vergleich dazu galt in Bulgarien eine allein lebende Person als armutsgefährdet, wenn diese weniger als 1.303 Euro jährlich (!) (oder 109 Euro monatlich) zum leben hatte. Genau wie die Grenzwerte variieren, schwankt auch der Anteil der armutsgefährdeten Personen in den jeweiligen Ländern. Rund 17 Prozent der EU-Bevölkerung haben nach Schätzungen von Eurostat im Jahr 2007 in Armut gelebt. Das sind fast 70 Millionen Menschen. Deutschland liegt mit 15 Prozent der Bevölkerung, die ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze haben, unter dem EU-Durchschnitt. Besonders hoch ist die Quote in Lettland (26 Prozent) und Rumänien (23 Prozent), besonders niedrig unter anderem in Island (10 Prozent) sowie in Tschechien (9 Prozent).

Armutsrisikogrenzen in Europa:


















Nach Berechnungen von Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union, wäre die Armutsquote ohne Sozialtransferleistungen wie der Sozialhilfe oder dem Arbeitslosengeld II noch deutlich höher. EU-weit müsste ohne diese staatlichen Hilfen fast jeder Vierte in Armut leben. In der EU sind vor allem Kinder und Jugendliche, ältere Menschen, Arbeitslose, Migranten, Menschen mit Behinderung und Alleinerziehende von Armut bedroht. All diese Gruppen tragen auch die Ausgrenzungsrisiken der Armut. Das heißt, sie nehmen selten oder gar nicht am kulturellen Leben teil, haben schlechtere Chancen sich weiterzubilden, sind häufiger krank, und Kinder aus armen Haushalten beenden die Schule früher.

Die aktuelle Realität bilden diese Zahlen aber nur begrenzt ab. Kritiker bemängeln an der relativen Armutsberechnung, dass es aufgrund der verwendeten Berechnungslogik immer arme Menschen geben wird – selbst dann, wenn in einem fiktiven Staat nur Einkommensmillionäre leben würden. Denn auch hier würde durch die Streuung der Einkommen ein Teil der Bevölkerung unter 60 Prozent des Durchschnittseinkommens liegen – auch wenn das bei einigen hunderttausend Euro im Jahr läge.


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